Die Rede war in ihrer Eindeutigkeit für viele überraschend. Als Präsident Barack Obama am 22. Juni in Washington betonte, den Truppenabzug aus Afghanistan forcieren zu wollen, »weil es jetzt wichtiger sei, sich auf die Probleme im eigenen Land zu konzentrieren«, verabschiedete er sich damit von nicht weniger als dem jahrzehntelangem Primat amerikanischer Aussenpolitik. Natürlich sind die USA auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts Weltmacht und zentraler Pol der Weltpolitik. Auch wenn der Ost/West-Konflikt keine internationale Bedrohung mehr darstellt, entstanden neue Bipolaritäten, die die USA in ihrer militärischen Weltmachtrolle bestätigten. Und noch Obamas Vorgänger im Amt, George W. Bush, formulierte die hegemonialen Interessen in Europa und Asien ganz klar und führte einen interventionistischen Kurs fort.
Die Ankündigung, dass es jetzt »an der Zeit sei, weniger Geld für den Krieg in Afghanistan und generell für Kriege im Ausland einzusetzen, sondern den Fokus auf die eigene Bevölkerung zu richten«, markiert meiner Ansicht nach aber einen durchaus dramatischen Paradigmenwechsel. Auch wenn die Äusserungen nur am Rande gemacht wurden, bestärken sie eine immer stärker werdende Überzeugung der politischen Klasse in den USA, das eigene Wohlergehen und die eigene Wirtschaft in den Vordergrund zu stellen. Ein Rückfall mithin in die Zeiten des Isolationismus, nur vergleichbar mit dem Primat einer »Splendid Islolation«, mit dem sich Großbritannien im 19. Jahrhundert selbst äußerste Zurückhaltung bei der Beteiligung an dauerhaften Allianzen oder anderen Verpflichtungen gegenüber anderen Weltmächten auferlegte? Ich sehe durchaus Indizien dafür.
Die Amerikaner haben sich schon immer als »auserwähltes Volk« gesehen. Die Tendenz zum freiwilligen Selbstausschluss aus dem internationalen politischen Geschehen und der Abschottung vom Ausland hat auch hier eine lange Tradition und war spätestens seit der Monroe-Doktrin Teil der amerikanischen »foreign policy«. In seiner Rede zur Lage der Nation vom 2. Dezember 1823 entwarf Präsident James Monroe damals vor dem Kongress die Grundzüge einer langfristigen Außenpolitik der Vereinigten Staaten. In der Tradition Thomas Jeffersons stellte er dabei eine irreversible Unabhängigkeit der amerikanischen Staaten von den europäischen Mächten fest und formulierte die Existenz zweier politischer Sphären, betonte das Prinzip der Nichteinmischung der Vereinigten Staaten in europäische Konflikte, forderte ein Ende aller Kolonialisierungsbestrebungen in der westlichen Hemisphäre und kündigte ein Eingreifen der USA nur für den Fall an, dass die europäischen Kolonialmächte diese politischen Grundsätze ignorieren sollten. »Amerika den Amerikanern« lautete damals das geflügelte Schlagwort. Der amerikanische Isolationismus wurde erst durch den Kriegseintritt in den Ersten Weltkrieg 1917, später dann endgültig durch den Eintritt in den Zweiten Weltkrieg beendet und wurde durch den Interventionismus abgelöst.
Mit der Wirtschaftskrise geht es nun aber ans Eingemachte – ganz nach dem Motto, dass sich jeder am Ende selbst der Nächste ist. Ist die Rückkehr zu einer Art Monroe-Doktrin – zumindest auf wirtschaftlichem Feld – also wieder vorstellbar?
Meiner Ansicht werden wir in naher Zukunft drei verschiedene Entwicklungen beobachten können:
1. Amerikanische Firmen werden vermehrt Arbeitsplätze zurück in die USA bringen;
2. Die US-Regierung wird ihre Ausgaben im Ausland (wie Afghanistan und Irak Kriege) deutlich reduzieren;
3. Washington wird direkte und indirekte Massnahmen ergreifen um die einheimische Wirtschaft zu schützen und/oder deren Konkurrenzfähigkeit zu erhöhen.
Einige Beispiele zu Punkt 1: In Louisville aktiviert GE General Electric gerade eine stillgelegte Firma und schafft so 1.300 neue Arbeitsplätze. Carbonite eröffnet ein neues Call-Center und verlegt 250 Arbeitsplätze von Indien in die USA. NCR stellt 850 neue Mitarbeiter ein für die Herstellung von Bankomaten ein, die bisher in China, Ungarn und Brasilien produziert wurden. Ford verlegt 2.000 Stellen von China zurück nach Michigan.
Die Gründe für die Repatriierung von Arbeitsplätzen sind vielfältig: In gewissen Bereichen sind die Qualitätsstandards in den USA höher. Währungsfluktuationen sind bei der Produktion in den USA kein Thema mehr. Zudem kostet der Transport von der Fabrik zum Kunden weniger – die Verkürzung der Zeit zwischen Produktion und Auslieferung reduziert die Kapitalkosten und erlaubt zudem grössere Marktnähe und eine schnellere Ausführung der Kundenbestellungen. In China und anderen Ländern steigen die Lohn- und Lohnnebenkosten parallel dazu um 15 bis 20 Prozent, während sie in den USA stabil sind. General Electric hat ausgerechnet, dass der Kostenvorteil von China gegenüber den USA von 30 auf 6 Prozent gesunken ist. Zudem ist der Schutz von geistigem Eigentum ist in den USA deutlich besser gewährleistet.
Zu Punkt 2: Präsident Obama und andere Politiker sind sich mehr und mehr bewusst, dass die amerikanische Bevölkerung kein Verständnis für den Krieg in Afghanistan hat und der Krieg im Irak als unnötig empfunden wird. Die Kosten sind gleichzeitig immens: Der Waffengang im Irak verschlang 784 Milliarden Dollar, in Afghanistan belaufen sich die Ausgaben bis dato auf 426 Milliarden Dollar. Politischer Druck – insbesondere von der konservativen Tea Party – könnte die Auslandaktivitäten der USA weiter in Frage stellen. Wenn Außenministerin Hillary Clinton wie jetzt geschehen die Militärhilfe für Pakistan grundsätzlich zur Disposition, merkt man, dass ein anderer Wind zu wehen beginnt.
Die USA bestreiten 75 Prozent der Militärausgaben der NATO. Zukünftig wird die USA von Europa erwarten, dass es seine Interessen mit mehr Engagement vertritt. Die USA werden ihre ordnungspolitische Machtposition auch weiterhin behalten, aber ihren Verbündeten mehr Verantwortung und Kosten übertragen und abverlangen. Als Folge werden die Militärausgaben in Europa steigen und in den USA sinken.
Und zu Punkt 3: Immer mehr lokale, regionale oder staatliche Behörden erlassen Bestimmungen, wonach Produkte und Dienstleistungen lokal, regional oder zumindest in den USA eingekauft werden müssen. So hat etwa Ted Strickland, demokratischer Gouverneur von Ohio, im August 2010 eine Verordnung verabschiedet, wonach das öffentliche Beschaffungswesen des Bundesstaates dazu verpflichtet ist, bei nahezu allen Anschaffungen auf das Siegel »Made in USA« zu achten. Ähnliches beim »American Recovery and Reinvestment Act« aus dem Jahre 2009: Dieser enthält die »Buy-American«-Klausel, die besagt, dass bei Infrastrukturmaßnahmen, die mit dem Paket eingeleitet werden, nur Eisen und Stahl aus heimischer Produktion verwendet werden darf.
Für mich sind dies weitere Zeichen eines immer stärker um sich greifenden Protektionismus. Eine Entwicklung mit durchaus historischem Vorbild: Am 17. Juni 1930 unterzeichnet US-Präsident Herbert Hoover den so genannten Smoot-Hawley Tariff Act. Das Gesetz, benannt nach den republikanischen Parlamentariern Reed Smoot und Willis Hawley, erhöht damals die Importzölle auf fast 900 Produkte zum Teil dramatisch. Ein Fanal, andere Länder reagieren prompt. Eine Welle des Protektionismus setzt ein. Die Folgen liessen nicht lange auf sich warten. Gegenüber dem Stand von Anfang 1929 brach der Welthandel bis Anfang 1933 auf Dollarbasis um nahezu zwei Drittel ein. Das Smoot-Hawley-Gesetz verursachte die Große Depression jener Jahre zwar nicht – aber den Einbruch der Weltwirtschaft nach dem Börsencrash vom Oktober 1929 verstärkte es gleichwohl.
Politiker aus aller Welt zogen nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Lehren. Protektionismus gilt seither weithin als Übel, der Freihandel zumindest in der politischen Rhetorik als Ideal. Auch in Krisenzeiten flackerte der Neoprotektionismus immer nur zeitlich und örtlich begrenzt wieder auf.
Bis heute. Immer neue Anzeichen deuten darauf hin, dass Politiker in aller Welt besserer Einsicht zum Trotz die Fehler von damals wiederholen könnten. Wir erleben eine Renaissance der nationalen Wirtschaftspolitik. Hübscher verpackt zwar als noch vor achtzig Jahren, aber letztlich mit genau derselben Absicht. Beispiel Zinspolitik: Ich erwarte, dass die amerikanische Zentralbank alles dafür tun wird, die Zinsen wie auch den US-Dollar auf tiefem Niveau zu halten. Ein niedriger Dollarkurs macht US-Produkte im Ausland billiger und konkurrenzfähiger. Tiefe Zinsen wiederum helfen amerikanischen Firmen, ihre Kosten niedrig zu halten.
Aus meiner Sicht ergeben sich aus den geschilderten Sachverhalten einige praktische Schlussfolgerungen, die insbesondere auch für Investoren wichtig sind, die über ein mögliches Engagement in den USA nachdenken:
• Der Dollar wird längerfristig auf tiefem Niveau verharren;
• Die Zinsen in den USA werden vielleicht etwas ansteigen, aber im historischen Vergleich niedrig bleiben;
• Bundesstaaten und lokale Behörden werden vermehrt Anreize, Steuerentlastungen und Zuschüsse für die Schaffung von Arbeitsplätzen offerieren;
• Die Nachfrage nach Lagerhäusern, Verteilerzentren und damit zusammenhängenden Gewerbeflächen wird ansteigen.
Hallo Rainer,
toller Beitrag, sehr gut geschrieben und sehr gut recherchiert.
Vielen Dank dafür
Viele liebe Grüße
Dein Herbert
rainer,
dazu passt der im Maerz 2010 verabschiedete foreign account tax compliance act. er soll die korrekte besteuerung von in den usa steuerpflichtigen personen mit ihren weltweiten einkuenften ermoeglichen. man wird nicht-amerikanische banken mehr und mehr und wesentlich verstaerkter und umfassender, ja fast erpresserisch zwingen, individuelle und detaillierte auskuenfte an den us fiskus zu uebermitteln. nicht us-banken werden somit zu einer veletzung des bankgeheimnisses gezwungen.
Interessant in diesem Zusammenhang: Auch die sieben Republikaner, die Mitte Juni ihr Schaulaufen für die parteiinternen Primaries starteten, setzten sich bereits massiv von der Außenpolitik der Bush-Ära ab. Der missionarische Eifer, Werte wie Freiheit und Demokratie notfalls mit militärischen Mitteln in die Welt zu tragen, weicht einem Rückzug in die heimische Burg. Eine US-Außenpolitik, die sich dem internationalen Engagement verweigert? Bemerkenswerte Vorstellung in einer Zeit, in der Länder wie Iran und China zum Sprung ansetzen.
kleinvieh macht auch mist.
soll heißen: vielleicht sollte auch die ‘politik’ gegenüber europaeischen snow birds kuenftig ein wenig liberaler werden.
ich schaetze das diese part time residents milliarden in
den USA – auch in Florida – ausgeben und und die wirtschaft dort ankurbeln und dabei den staat nichts kosten.
stattdessen kann ein visum nicht verlängert, sondern muss pro person neu für über 100 EURO persönlich in Berlin, Frankfurt oder München beantragt werden. dabei erwaehne ich die unfreundlichen immigration officer vor ort noch nicht einmal.
aber auch garnichts kosten.
Hallo Herr Filthaut!
“Europäische snowbirds” , die Milliarden Dollars in den USA und speziell in Florida investieren oder im täglichen Leben ausgeben, wird das Leben in den USA unträglich erschwert. Insbesondere die Rentner, die überwiegend nicht zu den Armen gehören, leider hier besonders darunter und alles mit demHinweis auf den Pateriot Act.
Für mich ist völlig unverständlich, warum die europäischen snowbirds, die in Häuser viel Geld investieren
a) nicht einen Anspruch auf ein sog.Rentnervisum (z.B. für drei, vier oder fünf Jahre) erhalten können,
b) die amerikanische driver licence alle 6 Monate für viel Geld verlängern müssen, wobei die Gebühren von ehemals 15 $ inzwischen auf ca. 58 $ gestiegen sind,
c) keine Creditcard bei der amerikanischen Bank (außer einer sog. Secured Creditcard und selbst das ist schwierig) erwerben können, da man keinen creditreport bzw. keine SSN hat und daß, obwohl man ein völlig schuldenfreies Haus hat, nie eine mortgage in Anspruch genommen hat auch nicht für den Kauf z.B. eines neuen Autos.
Andererseits bezahlt man (ich vermieteseit 11 Jahren ein Haus) Steuern für alles Mögliche, wie z.B. Schulen, Feuerwehr usw., wobei man aber keine eigenen
Rechte hat.
So kann man Investitionen auch abwürgen, besonders auch im Real Estate Bereich.
Ich bin gerne in den USA und liebe auch Land und Leute, werde aber diesbezüglich, vor Allem auf Grund des Patriot Acts, wie ein Criminal behandelt.
Hier sollte wirklich eine entsprechende Lobby in Washington tätig werden, um eine vernünftige und für alle Seiten vertretbare Lösing zu finden.
Vielleicht können auch Sie sich bei entsprechenden Gelegenheiten hierfür einsetzen. Entsprechende Erleichterungen würden mit Sicherheit ein Mehr an Investitionen herbeizaubern.
Mit herzlichen Grüssen
Archie
P.S. Ihre Kommentare lese ich wirklich immer gerne und hoffe, daß es davon noch viele Ausgaben Ihrerseits geben wird.