Der ungehemmte Wirtschaftsboom in den USA ist endgültig zu Ende. Es war, so wissen wir heute, eine Party auf Pump – inklusive Papierservierten und Bierdeckel. Die nächsten Jahre werden nun grundlegende Änderungen sowohl in Wirtschaft, Gesellschaft, Politik als auch beim Verhalten der Verbraucher bringen.
In konkreten Zahlen: Meiner Ansicht nach werden wir einen Rückgang des US-Bruttosozialproduktes um 10 bis 15 Prozent erleben. Und das auf längere Sicht: Mindestens fünf bis zehn Jahre wird es dauern, bis die Folgen der Finanz-Exzesse ausgebügelt und korrigiert sind. Warum so lange? Weil 70 Prozent des US-Bruttosozialproduktes aus dem privaten Konsum stammen. In den vergangenen Jahren flossen immense Beträge durch Hypothekenerhöhungen in den Konsum. Doch allein in 2008 haben die US-Haushalte 18 % bzw. 11.2 Billionen Dollar ihres Nettovermögens verloren. Aus den verschiedenen, unten näher erläuterten Gründen dürften die Konsumenten wohl 15 Prozent weniger ausgeben – mindestens. Einfache Rechnung: 15 Prozent von 70 Prozent = 10,5 Prozent. Dass der Rückgang des »Gross Domestic Products« (GDP) noch höher ausfallen könnte, sehe ich in der steigenden Arbeitslosigkeit und dem absoluten Fehlen von Finanzierungs-möglichkeiten begründet.
Wie die unten stehende Graphik (basierend auf Daten der US Federal Reserve »Flow of Funds«) zeigt, haben sich die Schulden der USA, ihrer Bürger, Gemeinden und Firmen seit 1986 von rund 10 Billionen auf über 50 Billionen Dollar erhöht.

Schulden der USA aufgeteilt nach Sektor
Die Verschuldung ist im gleichen Zeitraum von 225 Prozent des Bruttosozialproduktes auf mehr als 360 Prozent angestiegen. Bedingt durch den Zusammenbruch des Immobilienmarktes und den Verlusten an den Kapitalmärkten ist das Nettovermögen der USA gesunken, während die Schulden immer weiter ansteigen.

Bestehende Schulden als Prozent des Bruttosozialproduktes
Bis dato konnte der Konsument alles und jedes finanzieren. Das ist vorbei. Finanzierungen gibt es (wenn überhaupt) nur noch bei sehr guter Kreditwürdigkeit und/oder sehr hohen Anzahlungen. Was für den Einzelnen schmerzhaft sein mag, ist freilich unumgänglich, denn der einzige Weg aus dem Schlamassel ist die drastische Reduzierung der Schulden. Jeden Tag haben US-Verbraucher und Staat sich je eine Milliarde Dollar im Ausland geliehen. Diese Art der Finanzierung trocknet nun aus, die Stimmung wird schlechter: Vor ein paar Tagen musste die US-Regierung dem größten Gläubiger China sogar versichern, dass deren 1000 Milliarden Dollar (angelegt in Bundesschatzbriefen, Cash und Rentenpapieren) sicher und die USA ein solventer Schuldner sind.
Bei einem angenommenen Zinssatz von vier Prozent beträgt der jährliche Schuldendienst auf den 50 Billionen Dollar genau zwei Billionen Dollar pro Jahr. Dies entspricht fast 15 Prozent des Bruttosozialproduktes von 14 Billionen Dollar.
Die neue US-Regierung hat bereits Maßnahmen zur Wirtschaftsförderung und Stützung der Finanzmärkte verabschiedet. Darauf möchte ich im Einzelnen nicht eingehen, da sich diese ständig ändern und auch den Rahmen dieses Artikels sprengen würden. Präsident Bush hatte ja bereits im letzten Jahr ein Programm von 180 Milliarden Dollar verabschiedet. Durch den Preisverfall beim Erdöl kamen die USA dann noch mal in den Genuss von 250 Milliarden Dollar »ungeplanter« Konjunkturankurbelung. Trotz allem ging es weiter bergab. Sicher scheint für mich, dass noch vor Ende dieses Jahres das nächste Konjunkturprogramm von mindestens eine Billion Dollar geschnürt werden wird. Der US-Regierung (und auch den Regierungen anderer Länder) bleibt nichts anderes übrig, so lange Geld in das System zu pumpen, bis der freie Fall der Volkswirtschaften aufgehalten wird.
In vergangenen Blogbeiträgen habe ich auf die Gründe und Auswirkungen der derzeitigen Misere hingewiesen. Die Arbeitslosenzahl sah ich bei 10 %. Nach dem Zusammenbruch von der Investmentbank Lehman Brothers im September eskalierte die Situation weiter und ich befürchte nun eine Arbeitslosenquote von 12 %. Im Moment verlieren die USA mehr als 500.000 Arbeitsplätze pro Monat. Doch viele Amerikaner haben keine finanziellen Reserven, die Arbeitslosenunterstützung ist bescheiden. Somit sind die neuen Arbeitslosen gezwungen, ihren Konsum drastisch einzuschränken, was wiederum zu mehr Entlassungen führen wird.
In einem früheren Artikel bin ich ausführlich auf die negative Sparquote der Amerikaner eingegangen und habe vorausgesagt, dass sich diese erhöhen wird. Nachdem sich die Altersvorsorge in Form von Eigenkapital im Haus/Wohnung und Wertschriftendepot drastisch reduziert hat, wird nun endlich wieder gespart, was sich konsequenterweise aber auch in einer weiteren Verringerung des Konsums niederschlägt.
Die Steuereinnahmen gehen dabei drastisch zurück. Die Gemeinden müssen (und werden auch) Personal entlassen und ihre Dienste einschränken. In naher Zukunft werden über eine Billion Dollar an Schuldverschreibungen öffentlicher Körperschaften fällig. Im Moment ist es noch unklar, wie diese refinanziert werden können.
Meiner Ansicht nach werden wir eine erhebliche Wandlung in der amerikanischen Gesellschaft erleben. Die Zeiten der Überflussgesellschaft sind endgültig vorbei. Die USA werden wieder vermehrt im Inland produzieren, weniger importieren, weniger unnötige Konsumgüter kaufen, indirekt Handelsbarrieren aufbauen und von Seiten des Staates viel stärker in die Wirtschaft eingreifen. Dieser Anpassungsprozeß dürfte mindestens fünf bis zehn Jahre andauern. Während dieser Zeit wird sich das Bruttosozialprodukt nach dem anfänglichen tiefen Absturz im Rahmen des Bevölkerungszuwachses nominal erhöhen, aber kein echtes Wachstum zeigen. Zu viel Vermögen wurde vernichtet, zu sehr muss sich das System ändern. Das wird seine Zeit dauern.
Berücksichtigt man die Wahlversprechen von Präsident Barack Obama in Bezug auf Krankenversicherung, höhere Besteuerung der Besserverdienenden, besseren Schutz der Arbeitnehmer, so bewegen sich die USA weg von einer absolut kapitalistischen Gesellschaft in Richtung einer eher sozial geprägten Marktwirtschaft – Ludwig Erhard lässt herzlich grüßen!
Wie sich das alles im Einzelnen auswirken könnte werde ich im nächsten Blogartikel versuchen zu beleuchten.


0 Antworten zu „Katerstimmung nach der Party“