Die Wirtschaft des Bundesstaates Florida war lange auf rasantes Wachstum ausgerichtet. In der Vergangenheit zogen jeden Tag rund 1.000 Personen in den Sunshine State. Viele von ihnen wurden Immobilienmakler, Hypothekenvermittler, Bauarbeiter und Immobilienanwälte. Deren Existenz hing entscheidend davon ab, dass Florida am nächsten Tag wieder 1.000 neue Personen »importierte«. Wachstum glich in Florida insofern dem Gesellschaftsspiel »Reise nach Jerusalem«, und dies mit allen Konsequenzen: Hört die Musik einmal auf zu spielen, muss man schnell einen Stuhl finden. Nun ist gleich die ganze Kapelle abgezogen – und irgendjemand war zudem so gemein, gleich die Hälfte aller Stühle wegzunehmen.
Florida hat im Moment zwei fundamentale Probleme: einerseits den Zusammenbruch des Immobilienmarktes, andererseits die Tatsache, dass ein enormer Anteil der Wirtschaft von Immobiliensektor und Bauindustrie abhängig ist. Die Immobilienkrise hat Florida stärker getroffen als die meisten anderen Bundesstaaten. Die Preisrückgänge sind drastischer und die Zwangsversteigerungen erreichen schwindelerregende Zahlen. Nun erleben wir all jene Bauarbeiter, die nichts mehr zu bauen haben, die Makler, die viel weniger Objekte zu vermitteln haben, die Hypothekenvermittler, die nichts mehr zu tun haben, da die Banken kein Geld verleihen und die Immobilienanwälte, die inzwischen natürlich ebenfalls Däumchen drehen.
Der Abschwung wirkt sich naturgemäß auf alle Bereiche der Wirtschaft aus: Restaurants, Möbelhäuser, Autohändler, Architekten – die Liste geht endlos weiter. Auch die öffentliche Hand ist massiv betroffen, bestehen doch ein Grossteil der Einnahmen aus a.) Kapitalverkehrssteuern der Immobilientransaktionen, b.) den Grundsteuern sowie c.) Umsatzsteuern auf all den Materialien, die beim Hausbau verwendet werden. (Interessante Nebenbemerkung: Die meisten Leute denken, Orangen und Zucker seien die wichtigsten Produkte der Landwirtschaft in Florida. Irrtum: es sind die der Gärtnereien und Baumschulen – zumindest bis zum Einsetzen der Krise. Nun geht auch deren Umsatz drastisch zurück.)
Früher oder später wird sich auch die Bauindustrie wieder beleben. Florida ist im Winter immer schöner als New York, Chicago oder Minnesota. Und wegen einer Vielzahl von Gründen ist es ganzjährig attraktiver als Haiti, Jamaika oder die Dominikanische Republik. Die Leute werden auch wieder nach Florida kommen. Nur nicht mehr in den rasanten Mengen wie früher. Dagegen sprechen schon jetzt zwei zu beobachtende Tendenzen: Einerseits, dass ein Teil der »Baby Boomer« Gegenden wie Arizona vorzieht. Andererseits das vermehrte Auftreten so genannter »Halfbacks« – Leute aus dem Norden, die einst nach Florida kamen und nun – sozusagen auf halber Strecke – wieder Richtung Heimat zurückziehen, in Bundesstaaten wie North Carolina, Georgia oder Tennessee.
Dass Florida seine einzigartige Stellung verloren hat, ist auch auf unglückliche Entscheidungen der Politiker zurückzuführen. Deren einzige Priorität hieß langes Wachstum um jeden Preis. In Folge dessen ist etwa das Schulsystem hierzulande unterdurchschnittlich und die Qualität der Arbeitskräfte für große Firmen weitestgehend uninteressant. In der jetzigen Phase, in der schieres Bevölkerungswachstum nicht mehr die Wirtschaft antreibt, ist es daher notwendig, dass Florida qualifizierte, gut ausgebildete Arbeitskräfte anzieht und nicht nur die oben genannten Immobilienmakler, Hypothekenvermittler, Bauarbeiter und Immobilienanwälte. Für die gibt es hier vorläufig und bis auf weiteres nämlich nicht viel oder gar nichts zu tun.
Nachdem nun klar ist, dass Gouverneur Charlie Crist nicht der nächste Vizepräsident der USA wird oder einen Kabinettsposten erhält, kann er sich endlich darum kümmern, wofür ihn das Volk gewählt hat. Die ersten Schritte einer langfristigen Planung hat er schon eingeleitet: etwa durch den Kauf von großen Landflächen von der Zuckerindustrie und deren ökologische Einbindung in die Everglades. Die Naturschönheiten Floridas müssen nämlich erhalten bleiben, sind sie doch einer der Hauptgründe, wieso die Leute hierher ziehen.
Erschreckend ist meiner Ansicht nach, dass bei den letzten Budgetkürzungen das höhere Schulsystem die meisten Abstriche verzeichnen musste. Das mag auch daran liegen, dass sich die Leute aus dem Norden Florida nicht wirklich tief verbunden fühlen. Ihre Kinder haben sie meist schon groß gezogen und sehen keine Verpflichtung mehr gegenüber dem lokalen Schul- und Ausbildungssystem. Viele der 18 Millionen Bewohner Florida leben zwar hier, aber fühlen sich nicht wirklich zuhause. Sie kommen aus dem Norden, um das zu genießen, was Florida zu bieten hat. Doch die Menschen (ob sie nun ganzjährig oder nur zeitweise hier leben) sollten auch begreifen, dass sie eine Verantwortung gegenüber Florida haben. Die endlose Zersiedlung, der gewaltige Wasserverbrauch und das Ignorieren der Gefahren durch Wirbelstürme muss ein Ende haben. Eine jüngste Umfrage hat meines Erachtens hier eine immer noch erschreckende Ignoranz gezeigt: Nicht etwa die Verknappung des Wasser, die angespannte Verkehrssituation, der Mangel an öffentlichen Verkehrsmitteln oder das lausige Schulsystem werden von den Befragten als größtes Problem genannt. Nein, es sind die –angeblich zu hohen – Grundsteuern, über die sich die Leute beschweren. Frei nach dem Motto: Jeder ist sich selbst der nächste …
Immerhin: Bei manchen Floridianern – und zunehmend auch den Politikern – scheint sich langsam die Erkenntnis durchzusetzen, dass der jetzige Zustand nicht weiter aufrecht zu erhalten ist. Wir müssen unseren Lebensstil anpassen und sorgfältiger mit den Ressourcen umgehen, öffentliche Transportmittel fördern und die Bautätigkeit regulieren und besser planen. Es müssen alternative Industrien zur Bau- und Immobilienbranche angesiedelt werden (auch hier wurde Gouverneur Crist neulich endlich einmal aktiv). Und auch das Schul- und Ausbildungssystem muss deutlich verbessert werden. Nur so werden große Firmen einen Anreiz haben, neue Standorte in Florida zu schaffen.
Längerfristig sind die Aussichten für Florida meiner Ansicht nach weiter sehr positiv. Kein anderer Bundesstaat kann diese Kombination von Klima, keine Einkommens- und Erbschaftssteuern, Naturschönheiten, Stränden und touristischer Infrastruktur bieten. Bis der Überhang an Immobilien (sei es Wohnungen, Häuser Shoppingcenter oder Büros) abgebaut beziehungsweise gefüllt ist, wird Florida durch eine harte Anpassungsphase gehen. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass gerade Zeiten wie diese enorme Chancen bieten: Schnäppchen beim Kauf von Wohnungen und Häusern, Erwerb von Shopping Centern und Bürogebäuden zu attraktiven Preisen und Renditen, Inanspruchnahme von Wirtschaftsförderungsmitteln, Interessante Geschäftsmöglichkeiten rund um Umweltschutz und Recycling, Eco-Tourismus und alles was mit dem Gesundheitswesen zu tun hat (inklusive Forschung durch die Ansiedlung des Scripps Institutes). Wir leben ja schließlich auch in Florida immer noch im »Land der unbegrenzten Möglichkeiten«!


Sehr geehrter Herr FILTHAUT.
Vielen Dank für Ihre neuesten Florida-Informationen.
Ich melde mich ‘mal wieder bei Ihnen, um zu sagen: „Weiter so“!
Es ist immer SUPER interessant, Ihren Blog zu lesen.
Ich wünsche Ihnen fürs Neue Jahr viel Erfolg und Gesundheit.
Mit freundlichem Gruss
Juergen Peters
Vielen Dank fuer Deinen wie immer interessanten Beitrag, Rainer! Dir und allen Lesern das Allerbeste zum neuen Jahr. Wir koennen es brauchen.
Wie es scheint, geht Florida nicht das erste Mal durch eine stagnierende bis ruecklaeufige Periode. Die weltweite Wirtschaftkrise trifft uns hier im Sunshinestate natuerlich nochmal besonders. Wir werden in dieser Gegend wohl immer sehr vom Wohlergehen von Mitbuergern im Land und international abhaengig sein. Sonne laesst sich am besten verkaufen, wenn’s auch ansonsten gut laeuft und man Taschengeld fuer Lebenstylaufbesserung uebrig hat. Oft schoen wurde Floridas Aufschwung von lebhaften Hurricanejahren, Wirtschaftskrisen aber auch von Stimmungsschwankungen beeinflusst. In den 80igern und 90igern waren wir hier, abgesehen von guenstigen Wirtschaftsbedingungen, weltweit einfach „in“. Besonders bei den Europaern. USA war klasse. Clinton war – besonders in Deutschland beliebt – die DM war stark, Sommerurlaub im Mittlemeerraum teuer und die Besuecher aus der Heimat mussten oft vor der Abreise noch Koffer dazukaufen. Sie konnten gar nicht genugkriegen von GAP, Banana Republik, Nike und Reebok. Dann kam erstmal der Euro, man besann sich mehr auf die klassischen europaeischen Urlaubslaender und dann……ja, dann kam Bush, Rumsfeld, Irak und da muss man nicht Bekanntes aufwaermen, das ist jedem zur Genuege bekannt. Und nun auch noch Weltwirschaftskrise, gloom and doom. Abgesehen von immer noch eher grauen Prognosen ist das Vertrauen in Regierung(en) nicht gerade in top Form. Wen wundert’s. Das wir besonders in Amerka nicht vorhandenes Geld ausgegeben haben und nun die Rechnung praesentiert bekommen wissen wir nun seit einiger Zeit. Wenn dann auch noch Betrugsgeschichten in nie dagewesenen Hoehen – Laender ueber dem grossen Teich eingeschlosssen – bekanntwerden, daempft das doch selbst die zugegeben uebertriebene Erwartungshaltung an unseren neuen Praesidenten.
Wir werden also mehr oder weniger den Ball flach halten in 2009 und sehen, dass wir kommenden Unbill einigeremassen aus dem Wege gehen. Hoffentlich nutzen wir alle diese Zeit als Reinigung und Aufraeumarbeiten. Wie beim Hurricane. Scheusslich wenn man durch muss, aber scheinbar notwendig als Cleansingprozess ab und an.
Vielleicht darf ich schon auf ein wunderbares 2010 mit Ihnen allen anstossen. In diesem Sinne,
Prost Neujahr,
Karin Holmes