Die »One-Billion-Dollar«-Frage

Zunächst eine Entschuldigung: Seit meinem letzten Blog-Eintrag sind mehr als zwei Wochen vergangen. Schuld sind die Snowbirds, die uns Floridianern – thank you very much! – jeden Winter ihre Grippebazillen aus dem kalten Norden mitbringen. Dieses Jahr hat es auch mich erwischt und für ein paar Tage lahmgelegt. Einmal genesen, musste ich anschließend (wie jedes Jahr) etwas für die Kultur tun: Besuch bei der Art Basel Miami Beach. Übrigens ein hervorragender Gradmesser für die Wirtschaft im Allgemeinen und die konjunkturellen Erwartungen im Besonderen …

Apropos: Der zukünftige Präsident Obama hat die ersten Mitglieder seines Kabinetts vorgestellt: allesamt sehr starke Persönlichkeiten mit grossem Sachverstand. Bei ihrer Auswahl stand offenbar Kompetenz im Vordergrund und nicht nur politisches Kalkül. Obama hat allerdings klar gemacht, dass er allein die Richtlinien der Politik bestimmt und er von seinem Team erwartet, diese entsprechend seinen Vorstellungen umzusetzen. Ich habe den Eindruck, dass er seine neue Aufgabe sehr pragmatisch angeht. Sein Denken und Handeln scheinen langfristig ausgerichtet zu sein (was den Amerikanern in der Regel eher fremd ist). Dabei hat er nicht weniger im Sinn als eine grundsätzliche Richtungsänderung. Beispiel: Sein angekündigtes Programm zu Schaffung von 2,5 Millionen Arbeitsplätzen, das zur Verbesserung der maroden US-Infrastruktur beitragen soll.

Obama's Kabinet

»It’s the economy, stupid!« wussten einst schon die Berater von Präsident Clinton. Und auch unter Obama stehen die Schaffung von Arbeitsplätzen, die Lösung der Finanzkrise und die Verhinderung des Absturzes der Wirtschaft in eine Depression zunächst einmal im Vordergrund. Außenpolitische Themen wie der Rückzug aus dem Irak, der Kampf gegen Terroristen in Afghanistan oder die Spannungen mit Russland sind vorerst in den Hintergrund gerückt. Mit Hillary Clinton als Außenministerin und dem in internationalen Dingen erfahrenen Joseph Biden hat er freilich zwei kompetente Politiker an seiner Seite, die eine Neuausrichtung der amerikanischen Politik auch auf diesen Feldern beherzt vorantreiben werden. 

Obama ist sich sehr wohl bewusst, dass die Lösung der bestehenden Probleme längere Zeit in Anspruch nehmen wird. Die Herausforderungen geht er flexibel an. So scheut er sich nicht, auch Politiker aus dem oppositionellen republikanischen Lager in seine Diskussionen mit einzubinden. Immer wieder betont er, dass ideologische Barrieren nicht im Wege stehen dürfen, das Land voran zu bringen. Zu zentralen Aufgaben seiner Politik hat er Energiesparmassnahmen, alternative Energiequellen und den Umweltschutz erhoben. Deren Bedeutung scheint peu à peu tatsächlich vielen Amerikanern aufzugehen. Bei meinen Gesprächen stelle ich allerdings immer noch grosse Naivität und Unkenntnis im Hinblick auf derlei Themen fest. Immerhin: Es scheint sich langsam doch eine allgemeine Überzeugung durchzusetzen, dass es so nicht weitergehen kann. 

Ich habe den Eindruck, dass Amerika am Anfang eines grundlegenden wirtschaftlichen Wandels steht. Die Exzesse der letzten 15 Jahren waren einfach zu groß: Jeden Tag wurden zwei Milliarden Dollar im Ausland aufgenommen, um die Staatsausgaben und den privaten Konsum zu finanzieren. Obama ist es gelungen, den Politikern und Bürgern den Ernst der Lage zu vermitteln und die zur Bewältigung der Krise(n) notwendigen Energien freizusetzen. Der neue Mann im Weißen Haus ist ein ausgezeichneter Rhetoriker – und schon Aristoteles wusste, dass Rhetorik das Fundament für politischen Einfluss ist. Es wird jetzt darauf ankommen, ob die Begeisterung seiner Anhänger anhalten wird und es dem neuen Amtsinhaber gelingt, seine politische Basis weiter auszuweiten.

Schwierig ist seine Mission allemal: Die Wirtschaft kommt jetzt erst so richtig ins Stottern, jeden Tag liest man von neuen Massenentlassungen. Und auch die Anzahl der Zwangsversteigerungen steigt weiterhin an – trotz verschiedener Moratorien einzelner Bundesstaaten und Initiativen der Banken, mit den Schuldnern zu einvernehmlichen Lösungen zu kommen. Die nächste Welle an Zwangsversteigerungen dürfte unvermeidlich sein: Steigende Arbeitslosenzahlen, das Auslaufen von günstigen Zinsfestschreibungen und Fälligkeiten bei Subprime-Hypotheken sind der Grund.

Erschreckend ist, dass 50 Prozent aller Schuldner, deren Hypothek neu verhandelt und festgesetzt wurde, nach sechs Monaten bereits wieder mit ihren Zahlungen in Verzug sind. Bei jedem sechsten US-Haus- oder Wohnungsbesitzer  (= zwölf Millionen Eigentümer) übersteigt die Hypothek inzwischen den Wert des Objektes. Verschiedene Experten (sofern sich jemand in diesem doch einigermassen chaotischen ökonomischen Umfeld noch so nennen kann) rechnen mit über acht Millionen Zwangsversteigerungen bis zum Jahr 2012. Bis dato haben bereits mehr als eine Million Eigentümer ihre Wohnungen oder Häuser verloren.

Hat jemand mal schnell eine Billion Dollar? Diese Summe wird meiner Ansicht nach nämlich in den nächsten zwei Jahren durch die noch anstehenden Verluste bei den sattsam bekannten Subprime-Hypotheken, normalen Hypotheken, Finanzierungen gewerblicher Objekte, Autofinanzierungen, »Credit Swaps and Credit Insurance«, Kreditkarten und Betriebskrediten verloren gehen (der Ausfall entspricht somit im Übrigen dem US-Haushaltsdefizit, das in diesem Rechnungsjahr ebenfalls eine Billion Dollar betragen wird). Allein bei den acht grössten US-Finanzinstituten betragen die Verbindlichkeiten (nachstehend »Leverage« genannt) momentan das 29-fache des Kapitals. Gemeinsam werden sie mindestens 400 Milliarden Dollar Verluste auf ihren bestehenden Portfolios realisieren, eventuell sogar bis zu 600 Milliarden Dollar.

Eine Billion sind eintausend Milliarden Dollar. Ich bin zwar recht gut in Mathematik, aber wir bewegen uns hier in Grössenordnungen, die unsere Vorstellungskraft bei weitem übersteigen. Auf jeden Fall ist es eine Menge Geld. Die US-Regierung hat bis dato etwa 300 Milliarden Dollar in die Finanzinstitute investiert. Selbst dies scheint aber nicht auszureichen, um private Investoren dazu zu bewegen, neues Kapital in diese Konzerne zu stecken. Somit werden die Banken ihre Ausleihungen reduzieren, um Eigenkapital und Fremdkapital in ein besseres Verhältnis zu bringen. Dies wird dazu führen, dass die Schuldner Vermögenswerte verkaufen müssen, was wiederum deren Wert durch Überangebot und sinkende Nachfrage reduziert. Bei einer Deflation gewinnt Bargeld an Wert, weil jeder darauf wartet, dass die Preise noch weiter fallen. Somit reduziert sich die wirtschaftliche Tätigkeit noch mehr. Ein Teufelskreis.

Stellt sich also die Frage, ob jemand vielleicht eine Billion Dollar (oder besser zwei, eine für die Finanzinstitute und eine für den US Staatshaushalt)  zuviel in der Portokasse hätte, um kurzfristig auszuhelfen. Ich bezweifele dies.

 

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