Bis vor kurzem zeigte die Krise der Immobilien- und Finanzmärkte nur Auswirkung auf die direkt mit ihr verbundenen Branchen. Nun aber schlagen die Ereignisse voll auf den gesamten Arbeitsmarkt und die Konjunktur durch. In den letzten beiden Wochen war ich mehrere Tage lang in New York und Miami und habe mit vielen Fachleuten gesprochen. Das sich momentan abzeichnende Bild ist alles andere als rosig. Meiner Ansicht nach sehe ich folgendes auf uns zukommen:
• Anstieg der Arbeitslosenzahl in den USA bis auf 10 Prozent (derzeit um die 6 Prozent);
• Chrysler/GM werden fusionieren und massiv Mitarbeiter entlassen;
• Eventuelles Aus für die Autofirma Ford;
• Weitere Fusionen und Zusammenschlüsse im Bankenwesen;
• Generelle Steuererhöhungen – egal, wer Präsident wird;
• Reduzierung der Leistungen der Gemeinwesen;
• Rückkehr von ein bis zwei Millionen der insgesamt elf Millionen illegalen Einwanderer in ihre Heimatländer;
• Verlangsamung der Zuwanderung aus anderen Ländern;
• Erhöhung der Kreditzinsen, sofern Unternehmen und Verbraucher überhaupt Geld von den Banken erhalten;
• Erhöhung der Leerstände bei Büro- und Ladenflächen;
• Rückgang der Bautätigkeit;
• Last but not least: sinkende Preise für Lobster.
Hier meine detaillierten Erläuterungen zu obigen Punkten:
In meinem letzten Artikel äußerte ich die Vermutung, dass der private Konsum drastisch zurückgehen werde. Die Umsatzzahlen der letzten Wochen belegen dies jetzt. Konsequenterweise wird diese Entwicklung zu weiteren Entlassungen führen. Allein im Finanz-/Bankenbereich werden laut Schätzungen mehr als 300.000 Stellen wegfallen. Die laufende Konsolidierung des Finanzsystems wird zu weiteren Einsparungen führen. Die Firmen reduzieren drastisch ihre Investitionen und kürzen Ausgaben. In Folge werden zum Beispiel die Auslastungsquoten der Fluggesellschaften und Hotels sinken. In den letzten zwei Wochen haben namhafte Firmen wie Merck, Yahoo, General Electric, Xerox, Goldman Sachs, Bank of America, Coca-Cola, Chrysler und praktisch alle Fluggesellschaften Entlassungen angekündigt. Dies ist vermutlich erst der Anfang eines sich immer schneller drehenden Karussells. Irgend jemand hat einmal gesagt »Traue keiner Statistik – außer, Du hast sie selber gefälscht«. Die Arbeitslosenzahlen der USA sind irreführend, in Wahrheit liegen sie viel höher. Die Berechtigung zum Bezug von Arbeitslosenunterstützung ist nämlich begrenzt. Des Weiteren arbeiten Millionen als »freie Mitarbeiter« und werden in keiner Statistik geführt, wenn sie keine Arbeit mehr haben.
Die Private Equity Firma Cerberus besitzt die Mehrheiten an Chrysler und der Finanzierungsgesellschaft von General Motors. Cerberus wird aufgrund ihres Einflusses eine Verschmelzung der beiden Firmen forcieren, da beide allein nicht überleben würden.
Ford hat 25 Milliarden Dollar Barvermögen, aber kein überzeugendes Konzept. Die Rettung wäre ein Zusammenschluss mit Renault Nissan oder einem der anderen internationalen Autokonzerne.
Im Banken- und Finanzbereich wird es zu weiteren Fusionen und Bereinigungen kommen. Hier hatte ich schon vor längerer Zeit den Zusammenschluss von Investmentbanken/Brokern und Grossbanken vorhergesagt. Dies wird zu weiteren Personalentlassungen führen. Im Bereich der mittelgroßen Banken (SunTrust, RegionsBank, etc.) wird es noch einige Umstrukturierungen und Fusionen geben. Große Einschnitte dürften es bei den regionalen und lokalen Banken geben: Viele werden hier die nächsten Monaten nicht überleben und von größeren Instituten übernommen. Bei den Brokern/Investmentbanken (Vermögensverwaltern) wird einfach weniger Arbeit anfallen – nach den massiven Verlusten werden Investoren auf andere Anlagen ausweichen. Konsequenz: weniger Arbeitsplätze und weitere Entlassungen.
Persönlich wünsche ich mir, dass Barack Obama Präsident wird. Machen wir uns nichts vor, Obama ist ein hartgesottener Politiker. Er könnte es mit seinem Charisma schaffen, die US-Bevölkerung zu motivieren, die Ärmel hoch zu krempeln und sich den Widrigkeiten dieser Wirtschaftskrise zu stellen. Die Begeisterungsfähigkeit, Mobilität und Anpassungsfähigkeit der Amerikaner dürfte es für sie jedenfalls einfacher machen als für die Europäer, die Krise zu bewältigen. Ungeachtet dessen, wer Präsident wird, werden die Steuern aber zwangsläufig erhöht werden müssen. Das Budgetdefizit wird allein im laufenden Haushaltsjahr rund eine Billion Dollar betragen.
Die Gemeinwesen finanzieren die Mehrheit ihrer Ausgaben über die Immobilien- und Umsatzsteuern. Die Immobiliensteuern sinken drastisch aufgrund der Preiseinbrüche, die Umsatzsteuern fallen wegen des sinkenden Konsums. Somit verfügen die Gemeinden und Bundesstaaten über weniger Einnahmen. Des Weiteren kommt hinzu, dass die Pensionskassen der öffentlichen Körperschaften immense Beträge verloren haben. Um die eingegangenen Rentenverpflichtungen erfüllen zu können, müssen sie die von den Gemeinden zu zahlenden Beiträge erhöhen. In Folge dessen müssen die Gemeinwesen wohl Personal entlassen und ihre Dienstleistung einschränken.
In den USA leben rund elf Millionen illegale Einwanderer. Viele davon sind im Bau- und Gastgewerbe, der Landwirtschaft und verwandten Bereichen beschäftigt. Wie moderne Nomaden ziehen viele von Ihnen je nach Erntesaison oder Bautätigkeit von einem Bundesstaat in den anderen. Statistiken zeigen, dass deren monetäre Überweisungen in die Heimatländer drastisch zurückgegangen ist. Viele Einwanderer sind inzwischen wieder in ihre Heimatländer zurückgekehrt. Die Abwanderung von ein bis zwei Millionen Menschen würde die Zahl der Verbraucher in den USA erheblich reduzieren.
Bedingt durch die Rezession in den USA werden weniger Ausländer in die USA einwandern. Zudem dürften die amerikanischen Behörden die Einwanderungsvorschriften verschärfen, um inländische Arbeitskräfte zu schützen. Als Folge wird sich das Bevölkerungswachstum verlangsamen – mit entsprechenden Folgen für den Konsum.
Die Beschaffungskosten für Geld sind für die Banken sehr hoch und die Bereitschaft, Kredite zu geben, sehr niedrig. Letzte Woche habe ich einen Landkredit verlängert. War der Zinssatz vorher Prime + ½ % = 5 Prozent effektiver Zinssatz, so wird er neu bei mindestens 7 Prozent liegen. Die Bank zahlt für Festgeld mehr als 4 Prozent und für »bevorzugtes Eigenkapital« mehr als 8 Prozent. Trotz der günstigen Darlehen seitens der US-Zentralbank werden die Zinsen ansteigen. Hinzu kommen Kosten für die Einlagenversicherung und höhere Risikoprämien. Auf allen Ebenen, angefangen von der Kreditkarte für die Privatperson bis zur Finanzierung von Weltkonzernen, ist es weiterhin enorm schwierig, Finanzierungen zu erhalten.
Der Wirtschaftsrückgang führt zu einem sinkenden Bedarf an Büro- und Ladenflächen. Viele Projekte werden jetzt noch fertig gestellt, die vor einigen Jahren geplant und finanziert wurden. Die damalige Ausgangslage von kontinuierlichen Wirtschaftswachstum, steigendem Konsum und Bevölkerungswachstum hat sich offensichtlich geändert. Firmen reduzieren massiv Kosten und werden insofern ihre Raumkosten senken wollen. Viele Ladenketten habe angekündigt, ihre Expansionsprogramme zu beschränken und deutlich weniger neue Läden zu eröffnen. Folge auch hier ist der weitere Verluste von Arbeitsplätzen.
Die Bautätigkeit für Wohnungen und Häuser hat sich schon um zwei Drittel reduziert. Als nächstes wird dies den gewerblichen Bereich treffen. Hier werden keine neuen Projekte mehr angefangen. Was jetzt noch gebaut wird, ist schon vor langer Zeit geplant worden. Die steigenden Leerstandsquoten bringen Druck auf das Mietpreisniveau. Bauträger haben somit keine Motivation, neue Projekte in Angriff zu nehmen (deren Planung ohnehin zwei bis fünf Jahre in Anspruch nimmt). Finanzierungen sind im Moment auch nur in Ausnahmefällen zu erhalten. Eine der Folgen werden weitere Entlassungen im Baugewerbe und allen damit zusammenhängenden Branchen sein.
Last but not least: Wenn Sie gerne Lobster essen, sind Sie zumindest auf diesem Gebiet Profiteur der Krise. Viele Amerikaner steigen vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Unsicherheit auf preiswertere Lebensmittel um. Wegen der gesunkenen Nachfrage sind die schmackhaften Krustentiere heute so preiswert wie lange nicht mehr zu haben. Trost also für all jene, denen angesichts milliardenschwerer staatlicher Rettungspakete langsam Zweifel an den Prinzipien des Kapitalismus kommen: Wenigstens hier scheint das Gesetz von Angebot und Nachfrage noch reibungslos zu funktionieren …