In der Wirtschafts- und Finanzkrise geht es neben der Psychologie – die laut Wirtschaftswunder-Kanzler Ludwig Erhard ja bekanntlich mindestens die Hälfte der Ökonomie ausmacht – vor allem um eines: nackte Zahlen. Und da schwirren momentan in der Tat gewaltige Beträge durch den Raum. Im folgenden habe ich einmal einige interessante Zahlen herausgegriffen, die mir in den vergangenen Wochen über den Weg gelaufen sind – und die alle zusammen genommen ein durchaus gutes Erklärungsraster zum Verständnis dieser Krise bieten.
• INVESTIONSGELEGENHEIT –––Das Positive zum Anfang: Jede Krise birgt auch ihre Chancen. So bietet die amerikanische Regierung derzeit eine tolle Anlagemöglichkeit: Sie beteiligen sich an einem Investment mit fünf bis zehn Prozent Eigenkapital. Die Differenz von 90 bis 95 Prozent stellt Ihnen »Uncle Sam« als Darlehen zum Zinssatz drei Jahr Libor (derzeit 2,85 Prozent) zur Verfügung. Die Krönung: Sie sind für dieses Darlehen nicht einmal persönlich haftbar. Alle Verluste, die ihr Eigenkapital übersteigen, werden von der US-Regierung beziehungsweise dem amerikanischen Steuerzahler übernommen.
Im Rahmen des TALF (»Term Asset-Backed Security Loan Facility«) bietet die US-Regierung solche Investitionsmöglichkeiten an. Es ist ein 200-Milliarden-Dollar schweres Programm, in dessen Rahmen Rentenpapiere ausgegeben werden, die durch Autofinanzierungen, Studentendarlehen oder Kreditkartenguthaben und demnächst durch Hypotheken auf gewerblichen Objekten abgesichert sind. So funktioniert es:
Investoren, die an diesem Programm teilnehmen möchten, müssen vom US-Finanzamt akzeptiert werden. Dann wird ein Konto bei einem Wertschriftenhändler (»broker-dealer«) eingerichtet. Der Mindestdarlehensbetrag liegt bei 10 Millionen Dollar, das heißt mit 500.000 bis 1 Million Dollar Eigenkapital kann man partizipieren. Der Investor kauft nun 20 Millionen Dollar Rentenpapiere, leiht sich 19 Millionen Dollar zu 2,85 Prozent und bringt 1 Million Dollar Eigenkapital ein. Je nach Erwartungen und Berechnungen dürften die jährlichen Erträge zwischen 11 und 15 Prozent = 2,2 bis 3 Millionen Dollar liegen. Nach Abzug von +/- 550.000 Dollar Zinsen verbleiben dann noch 1,65 bis 2,45 Millionen Dollar Nettoertrag pro Jahr auf einem Investment von 1 Million Dollar. Sollten die als Sicherheit dienenden Vermögenswerte mehr als fünf Prozent an Wert verlieren, so hat der Investor keine Einschusspflicht und auch keine persönliche Haftung für den Darlehensbetrag. Es kommt noch schöner: Der Investor partizipiert an allen Rückzahlungen im gleichen Rang wie das Finanzministerium.
• UNTERFINANZIERUNG ––– Die Regierung Obama hat das Budget für das Fiskaljahr 2010 vorgelegt – mit einem Defizit von 1,8 Billionen Dollar. Unvorstellbar viel Geld, aber schauen wir einmal hinter die Kulissen:
Ab dem Jahre 2016 muss die staatliche Rentenversicherung »Social Security« zum Teil aus dem allgemeinen Staatshaushalt finanziert werden. Die meisten Amerikaner glauben, dass irgendwo ein Treuhandvermögen (»Trust Fund«) in Höhe von 2,4 Billionen Dollar liegt und Erträge erwirtschaftet. Dem ist aber nicht so. In der Bilanz des Finanzministeriums (»Department of The Treasury«) gibt es eine Position »Social Security Trust Fund«, dieser ist aber zu 100 Prozent in US-Bundesschatzbriefen angelegt – Forderungen gegenüber dem Staat also. Auf Seite 345 des Budgets für das Finanzjahr 2010 wird festgehalten: »Die Guthaben werden durch Verbindlichkeiten des Finanzamtes aufgehoben und resultieren in einem Netto von Null«. Auf Seiten 63 und 64 eines gerade veröffentlichen Berichtes der Social-Securtiy-Administration wird ausgeführt, dass die Behörde den Betrag von 17,5 Billionen Dollar in echten Vermögenswerten benötigt, um alle versprochenen Leistungen erfüllen zu können. Oder anders gesagt: Die nicht gedeckten Verpflichtungen entsprechen 1,3 Prozent des amerikanischen Bruttosozialproduktes jetzt und in der Zukunft.
Noch schlimmer sieht es bei der »Medicare« aus. Dies ist die öffentliche Krankenversicherung der USA für ältere und/oder behinderte Mitbürger. Jeder Bürger ab dem 65. Lebensjahr oder jeder als behindert eingestufte Bürger kann Medicare in Anspruch nehmen. Medicare ist zum Teil steuer- und zum Teil beitragsfinanziert. Der nicht gedeckte Betrag liegt bei 88 Billionen Dollar (davon allein 15,5 Billionen Dollar aus dem umstrittenen »Part D«, den George W. Bush und der republikanische Kongress im Jahre 2003 durchgesetzt haben). Diese gewaltige Summe entspricht jetzt und in Zukunft 6,8 Prozent des US-Bruttosozialproduktes oder einer Erhöhung der Lohnabzüge um 15,7 Prozent.
Um es zusammenfassend etwas einfacher auszudrücken: Den älteren Bürgern der USA wurden Leistungen in Höhe von 106,4 Billionen Dollar versprochen. Gemäß der US-Zentralbank beträgt das gesamte Privatvermögen in den USA aber nur 51,5 Billionen Dollar. Natürlich kann die Regierung zukünftig Leistungen kürzen, um die Zahlen wieder ins Gleichgewicht zu bringen und um massive Steuererhöhungen zu vermeiden. Doch das ist schwierig, steigt die Zahl der älteren Menschen doch ständig an (und bilden zudem die aktivste Wählergruppe). Nichtsdestrotz: Meiner Ansicht nach wird es früher oder später zu erheblichen Leistungskürzungen und deutlichen Steuererhöhungen kommen.
• KREATIVE BUCHFÜHRUNG ––– Vor kurzem haben einige der großen US-Banken ihre Quartalszahlen veröffentlicht und ansehnliche Gewinne gezeigt. Bei genauem Hinsehen sind mir spontan allerdings zwei englische Ausdrücke eingefallen: »Cook the books« und »Creative accounting«. Die Banken müssen ihre Vermögenswerten nämlich nicht mehr zu Tiefstkursen (»mark to market«) bewerten, sondern können andere Methoden anwenden. Wie schon zu Zeiten der Kreditkrise in Südamerika erlaubt die US-Regierung den Banken, ihre Verluste nur sukzessive zu zeigen beziehungsweise mit zukünftigen Gewinnen zu »vertuschen«. Bank of America etwa hat einen Gewinn von 4,2 Milliarden Dollar ausgewiesen. Das hört sich beeindruckend an, ist es aber nicht. So hat BoA die Rückstellungen für faule Kredite zwar verdoppelt. Aber die Darlehen, bei denen die Schuldner mit Zahlungen im Rückstand sind, haben sich parallel dazu verdreifacht. Betrugen die Rückstellungen im letzten Jahr 203 Prozent der faulen Positionen, so sind es jetzt nur noch 121 Prozent. JP Morgan ist finanziell gesünder und hat Rückstellungen von 241 Prozent – aber auch das sind weniger als die 271 Prozent des letzten Jahres. Citibank zeigte einen Verlust von 1,6 Milliarden Dollar, obwohl die Rückstellungen von 177 auf 121 Prozent gesenkt wurden.
Die Kurse der Rentenpapiere einzelner Banken sind gesunken. Diese haben dann die Differenzen als Ertrag ausgewiesen – eigentlich könnten sie jetzt ihre eigenen Verbindlichkeiten unter pari zurückkaufen……
• STRESSTEST ––– Die US Regierung hat 19 Banken und Finanzinstitute einem so genannten Stresstest unterzogen. Meiner Ansicht waren diese Tests allerdings nicht sehr stressvoll und die angewandten Maßstäbe mehr als großzügig. So wurde zum Beispiel für den schlimmsten Fall (»worst case scenario«) eine Arbeitslosenquote von 9,5 Prozent angenommen. Derzeit liegt sie aber landesweit bereits bei 8,9 Prozent und wird sehr bald 10 Prozent übersteigen. Das Verhältnis Eigenkapital zu Fremdkapital wurde mit 1: 25 angenommen. Das ist deutlich höher als das Verhältnis 1: 12, welches die SEC bis 2004 von den Banken forderte. Die Aufhebung dieser Bestimmung war einer der Gründe der heutigen Finanzkrise. Bei den Finanzierungen von gewerblichen Objekten wurde eine Ausfallquote von 8,5 Prozent angenommen. Dies dürfte zu tief sein, da wir erst am Anfang des Zusammenbruchs im Markt für Gewerbeobjekte stehen.
Es wurde den Banken überlassen, die Risiken einzelner Positionen zu bestimmen. Diese haben dann in Verhandlungen den Betrag der neu zu schaffenden Eigenmittel drastisch reduziert: Bank of America von 50 Milliarden auf 33,9 Milliarden Dollar, Citigroup von 35 Milliarden auf 5,5 Milliarden Dollar, Wells Fargo von 17,3 Milliarden auf 13,7 Milliarden Dollar. Gemäß Expertenmeinung hätte als Basis eine andere Berechnung des Eigenkapitals angewendet werden sollen (und müssen). Dann wären nämlich auch unrealisierte Verluste berücksichtigt worden – und der Fehlbetrag in Folge um weitere 68 Milliarden Dollar erhöht werden müssen.
















